Wie sollte ich die Challenge hier anders beenden als mit einem Beitrag zu der Geschichte, mit der alles begann?
Der erste Post erfolgte am 24.07.2016. Das Thema war 'Introduction'.
Ich war damals nicht der Meinung, dass ich jemals zu jedem einzelnen Thema der Challenge einen Text schreiben könnte. Wie denn auch bei 50 Stück und ohne Zeitrahmen? Die Challenges davor waren alle immer zeitlich begrenzt gewesen - und wenn nicht, dann hatte ich sie schnell abgebrochen.
Und heute, 9 Jahre und knapp 2 Monate später, setze ich hiermit den letzten Post zu dieser Challenge. Es fühlt sich unwirklich an. Es war manchmal deprimierend, oft sehr lehrreich.
Beginne ich erneut ein Projekt dieses Ausmaßes? Das kann ich nicht sagen. Aber ausschließen möchte ich es auch nicht.
Christopher drückte meine Hand so fest, dass ich nicht
wagte sie zu bewegen. Elrica war uns gegenüber eingenickt, weil die letzten
Stunden und Tage letztendlich ihren Tribut von ihr forderten.
Durch das winzige Fenster unseres Gefährts konnte man die
Stadt unter uns kaum noch erkennen. Irgendwo in ihren vielen Straßen wurde nach
mir gesucht, meine Berater wurden festgesetzt, unschuldige Angestellte mussten
Bestrafungen fürchten von einer Bande Marodeure, die am Geheimdienst
vorbeigearbeitet hatte.
„Sie haben Unterstützer im Palast, oder?“, fragte ich
leise.
Es dauerte kurz bis Christopher meinen Gedankenfaden
auffing.
„Nur so ist zu erklären, wie sie so schnell und unbemerkt
eindringen konnten. Allein unter den Wachen müssen sie ein paar Leute haben.“
„Sie müssen alles hassen, wofür ich stehe.“
Er zog mich näher an ihn heran und ich ließ mich ein Stück weit in seiner Berührung fallen.
„Wäre dein Onkel noch am Leben, wäre es wahrscheinlich
nicht anders gekommen – vielleicht an einem anderen Tag.“
Langsam löste er seinen festen Griff und legte mir den
Arm um die Schulter, sodass ich mich noch enger an seine Seite kuscheln konnte.
„Manchmal wünsche ich mir, dass Gott einen anderen Plan
für mich gehabt hätte. Für uns, besser gesagt. Dann wäre ich noch zu Hause und
alles wäre wie immer. Nur dich hätte ich nicht kennengelernt.“
„Was du nicht kennst, kannst du nicht vermissen.“
Ich seufzte als Antwort darauf.
„Es lässt sich nicht mehr ändern, Angelique. Du trägst
die Krone und damit die Verantwortung. Und solange du es möchtest, werde ich
dich auf deinem Weg begleiten.“
Bei diesen kurzen Sätzen wurde mir ganz warm und ein
Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Doch dann fiel mein Blick auf unsere
schlummernde Begleitung.
„Was ist mit Elrica?“
„Was soll mit ihr sein?“
„Wir werden bestimmt bald getrennt, also musst du dich
wohl für eine von uns entscheiden. Ich dachte immer, du liebst sie.“
„Das tu’ ich auch.“ Mein Lächeln verschwand. „Aber nicht
wie du denkst: Für mich ist sie eher eine Schwester, die ich nie hatte.
Irgendwie erinnert sie mich an Alec.“ Er ließ die letzte Silbe schweben, als
sollte dem Satz noch etwas folgen. Die Sekunden zogen sich unangenehm in die
Länge, was mich dazu brachte, mich zu drehen und ihn anzusehen.
„Bin ich anders?“
Der sanfte Ausdruck in seinem Gesicht ließ meinen Puls in
die Höhe schnellen.
„Wenn du nicht die Königin wärst und ich nicht ein Sohn
von neuem Geld…“
„Ja?“
Sachte strich er mir eine verirrte Haarsträhne aus der
Stirn, wobei seine Fingerspitzen über meine Haut tanzten. Ich beugte mich zu
ihm vor.
„Das sind doch nur Träume, nicht besser als Märchen. Wir
sind, wer wir sind, weil wir erlebt haben, was wir erlebt haben. Ohne deinen
Hintergrund könntest du eine Frau sein, die ich nicht mal mag.“
„Also magst du mich?“, fragte ich mit einem schiefen
Grinsen.
Er zog eine Augenbraue hoch.
„Ich mag dich sogar sehr.“
„Wie eine Schwester?“
Nun spiegelte er mein Grinsen.
„Deine Ehrenwerten Brüder hätten etwas dagegen, wenn ich
von einer Schwester so denken würde wie von dir.“
Wir waren uns so nahe und doch wagte ich nicht den
nächsten Schritt zu machen. Mir war bewusst, dass wir uns zuvor bereits geküsst
hatten. Nur waren das verzweifelte Küsse gewesen, die nichts tun sollten
außer ein Kribbeln mildern, das plötzlich aufgetaucht war. In diesem Moment
hingegen drehte es sich um etwas viel Intimeres und Schöneres.
„Warst du schon einmal in der Schwebenden Festung?“,
fragte ich, um den Augenblick zu erden.
Enttäuschung huschte über Christophers Züge.
„Nein. Ich hatte bisher keinen Grund dazu.“
Ich nickte verhalten. Die wenigsten Personen besuchten
die Festung, außer es gab einen besonderen Anlass. Nur war Christopher als
zweiter Sohn eines neureichen Industriellen kein Teil der typischen
Personengruppen, die dazu eingeladen wurden.
„Vielleicht magst du sie ja. Sie ist etwas
angsteinflößend, wenn man sie das erste Mal sieht, aber im Grunde ist sie auch
nur ein sehr großes Haus, wenn man so will. Vielleicht ein wenig duster und
zugig, aber daran kann man sich gewöhnen. Und dann ist sie ein Heim wie jedes
andere.“
Er wiegte den Kopf hin und her. „Ist das so?“
„Möglicherweise setzt bei mir auch schon eine romantische
Verklärung ein.“
Das einzige Fenster in unserem Wagen bot leider keinen
Blick auf meine alte Heimat, doch wir mussten bald dort sein. Flugwagen mochten
recht langsam sein, insbesondere wenn sie schwere Fracht geladen hatten, jedoch
war der Weg nicht allzu weit.
„Die Schwebende Festung ist dein Zuhause. Es ist schön,
dass du zurückkehren kannst.“
Ich schluckte nach seinen recht neutral vorgebrachten
Worten. Die Schwebende Festung war ein Bollwerk, immer beständig, fernab von
Schnelllebigkeit und großen Veränderungen. Es war sehr wahrscheinlich, dass
dort nahezu alles war wie bei meinem Abschied vor zwei Jahren. Aber ich fühlte
mich wie eine ganz andere Frau.
Ich legte ein falsches Lächeln auf. „Es ist zu lange her,
dass ich hier war. Wir sollten Brighton zu unserem nächsten Halt machen.“
Christophers Finger zuckten. Doch ehe ich das deuten
konnte, grinste er mich schelmisch an.
„Möchtest du dich meiner Familie so gerne vorstellen? Und
als was? Als unsere entflohene Königin?" Er legte eine Kunstpause ein, in
der ich die Hitze in meine Wangen kriechen spürte. „Oder möchtest du als etwas
anderes bei uns aufschlagen?“
Für einen Moment wandte ich den Blick ab und schluckte.
„Wenn es möglich wäre“, begann ich, ehe ich den Kopf
schüttelte, „nun, ich… sollten wir Brighton jemals aufsuchen, muss ich mir eine
andere Identität zulegen – dabei kannst du mir sicher helfen. Und dann kann ich
eine Freundin sein, die du auf deiner Heimreise getroffen hast.“
„Allein?“ Sein Ton war spöttisch, während er sich zu mir
beugte. Fast merkte ich nicht, wie ich mich ihm entgegen bewegte.
Er schaute mich ohne eine Spur des Hohns in seinen Zügen.
Zurück blieb nur eine ehrliche Verwundbarkeit, die ich noch nie an ihm bemerkt
hatte. Vorsichtig schloss er die Distanz zwischen unseren Lippen zu einem Kuss,
der nicht mehr als ein Streicheln war.
Mein ganzer Körper kribbelte wie beim ersten Regentropfen
an einem heißen Sommertag. Statt fortzufahren, lehnte Christopher seine Stirn an
meine und schloss die Augen.
„Wie wäre es, wenn wir einen Schritt nach dem anderen
machen? Wir müssen dich erst in Sicherheit wissen und dann verstehen, was
überhaupt vorgeht. Und wenn sich alles wieder beruhigt hat, würde ich dich sehr
gerne zu meiner Familie bringen, damit du sie kennenlernen kannst. Sofern du
das bis dahin noch möchtest.“
Ich konnte ein kurzes Kichern nicht zurückhalten. „Lass
es uns so machen.“
„Bis dahin können wir auch überlegen, wie wir das kleine
Problem lösen, dass ich deiner nicht würdig bin. Nur Geld, kein Titel. Für
jemanden von deinem Stand bin ich doch nicht mehr als ein Streuner.“
Bevor ich antworten konnte, hörte ich Bewegung von der
anderen Bank.
„Ich störe euch wohl gerade“, sagte Elrica schläfrig.
„Iwo“, sagte Christopher ohne von mir abzurücken, „wir haben das Wichtigste besprochen.“
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